In meinem beruflichen Alltag habe ich mit Menschen zu tun, die
- verächtlich (oder ängstlich?) das Gesicht verziehen, wenn sie von Urheberrecht und Internet sprechen.
- opamäßig (es wird immer alles schlimmer!) erzählen, dass unter den "jungen Leuten" schon vor zehn, fünfzehn Jahren Gelächter ausbrach, wenn man ihnen erzählen wollte, dass auch für digitale Inhalte bezahlt werden sollte.
- mir E-Mails schicken mit Betreffen wie Piraten fressen nicht nur kleine Kinder, sondern auch Künstler (ich dachte immer, Piraten entern Schiffe und (!) essen dann eben auch gelegentlich das Proviant – wenn da kleine Kinder dabei sind, sollte man lieber mal genauer hingucken, was die da geentert haben) und deren .doc-Anhänge ich allzu oft mit Zähneknirschen lese.
Privat bejuble ich Texte wie z.B.
diesen von Anne Schüssler, verfolge höchst interessiert, was die Piraten anstellen, und denke manchmal, dass das etwas ist, wo ich mir vorstellen könnte, mitzumischen. Eben
weil da noch vieles unausgegoren ist. Das ist es nämlich aus gutem Grund: Antworten sind nicht leicht zu finden. Antworten, die für alle gelten, sind unmöglich zu finden. Schon gar nicht, wenn Menschen nicht den Dialog miteinander suchen, nicht versuchen, die jeweils anderen Sichtweisen zu verstehen.
Ich habe in meinem Beruf direkt mit künstlerischen Erzeugnissen zu tun und das Vertrauen der Menschen, die mir diese Erzeugnisse anvertrauen, habe ich mir hart erkämpft. Und verdient. Niemals käme ich auf die Idee, irgendwas davon ohne ihr Einverständnis zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Oder an irgendwelche Leute zu verschicken, die es dann wild mit anderen teilen. Für diese Leute ist das Thema Kunst im Internet ein emotionales. Sie sind persönlich betroffen, haben Angst vor Macht- und Rechtlosigkeit. Und so höre ich mir ihre Sichtweise an, nicke oder gebe am Telefon zustimmende Geräusche von mir (was mir jedoch äußerst schwer fällt, wenn der Tenor
Die spinnen, sind gierig und geizig, und früher war alles besser! lautet).
Mehr und mehr fällt es mir schwer, nicht zu widersprechen. Aber ich will meinen Job noch eine Weile machen – und wenn ich aufhöre, dann nach Möglichkeit zu einem Zeitpunkt, der mir genehm ist – und daher, glaube ich, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir immer wieder auf die Zunge beißen.
12. Mai. 2012, 09:53